Im Zentrum der PorNo Diskussion stehen Anti-Porno Kampagnen prominenter Feministinnen wie Andrea Dworkin und Catharine MacKinnon, bzw. Alice Schwarzer, die die Kampagnen für den deutschsprachigen Raum quasi kopiert hat und seit 35 Jahren ohne große Abwandlungen fährt – und die Pornografie als eine explizite Form der Erniedrigung von Frauen definiert haben. Auch wenn diese Sichtweise sicherlich Einfluss hat, führt sie meiner Meinung nach oft zu einer pauschalen Verurteilung sämtlichen pornografischen Materials und lässt dabei die Möglichkeit positiver sexueller Darstellungen außer Achts – und radiert hier weibliche Selbstbestimmung konzeptuell aus. Es braucht einen differenzierteren Ansatz, der die unterschiedlichen Ebenen von Produktion, Repräsentation und Rezeption von Pornografie sorgfältig untersucht.
Die PorNo Kritik ist für filmisches Material aus kulturwissenschaftlicher Perspektive unzureichend, da sie die Ebene der Repräsentation selbst nicht berücksichtigt – oder genauer: für sie sind Ebenen der Produktion und Repräsentation dasselbe. So etwas wie filmische Inszenierung existiert nicht, alles ist direkt und dokumentarisch und auch eindeutig. Ihre Annahme, dass jede pornografische Darstellung inhärent Gewalt oder Zwang impliziert, vernachlässigt die Selbstbestimmung von Sexarbeiterinnen und die Möglichkeit einer empowernden Darstellung ihrer Erfahrungen.
Die PorNo Bewegung kommt eigentlich aus der Gewaltschutzbewegung. Dort hat diese feministische Strömung große Errungenschaften geleistet, beispielsweise war früher Vergewaltigung in der Ehe straffrei. Doch wo es um Pornographie geht – und die ist nun mal Film und ein kulturelles Erzeugnis (ob sie nun gut oder schlecht ist) – lässt sich der politische Ansatz nicht projizieren. Die Verknüpfung zwischen Pornografie und allgemeineren Fragen der Gewalt gegen Frauen ohne auf den Kontext, die Geschichte und tatsächliche Erfahrungen von Frauen in der Industrie einzugehen, führen dazu, sämtliche Formen von devianter Sexualität pauschal als problematisch zu betrachten. PorNo Kampagnen fordern Gesetze, die am Ende gegen sexuelle Minderheiten gerichtet werden können. Wir müssen vorsichtig sein, nicht in die Falle des „hilflosen Frauen“-Mythos zu tappen, der die tatsächlichen Wünsche und Lüste von Frauen ignoriert und sie auf passive Opfer reduziert. PorNo zeigt, dass die feministische Strömung im konservativen Bürgertum verankert ist, der Dichotomie zwischen der „tugendhaften“ Ehefrau und der „unmoralischen“ Sexarbeiterin (Madonna-Hure-Komplex) nicht entkommt und zu einer verzerrten Wahrnehmung von Frauen in der Pornografie als inhärent erniedrigt führt, obwohl die Realität komplexer ist. Doch um das zu Erkennen, müsste man Frauen in der Industrie zuhören – und deren Geschichten sind vielfältig.
Jahrzehnte haben Frauen in der Industrie mehr zur Verbesserung ihrer Lage beigetragen, als die Anti-Porno Kampagnen, die ihre Anliegen eigentlich ignorieren. Anstatt eines Verbots braucht es einen regulatorischen Ansatz, der die Menschen in der Industrie schützt ohne sie zu stigmatisieren. Dies würde beinhalten, die vielfältigen Stimmen und Erfahrungen innerhalb der Branche anzuerkennen, während gleichzeitig die sehr realen Bedenken hinsichtlich Ausbeutung und Gewalt angegangen werden. Letztendlich erfordert diese Debatte einen tiefgreifenden Perspektivwechsel – weg von einfachen moralischen Urteilen hin zu einem Verständnis für die Nuancen von Macht, Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung.
Mehr dazu:

Das Buch Feminismus fickt! von Patrick Catuz über Perspektiven feministischer Pornoindustrie führt ihn von einer Kulturgeschichte zu seinen eigenen Erfahrungen bei Fem Porn Produktionen von Erika Lust.

